Wie geht es dem Einzelhandel wirtschaftlich?

Ein Jahr Corona: Wie geht es dem Einzelhandel wirtschaftlich?

Ein Jahr COVID-19 – insbesondere der Einzelhandel galt in den letzten zwölf Monaten als ein besonderes Sorgenkind in der Pandemie. Nun zieht Creditsafe Deutschland Bilanz und wertet aus, wie sich die Branche in den vergangenen Jahren entwickelt hat und wie groß der Einfluss von Corona wirklich ist. Die Analyse von rund 1,8 Millionen Unternehmensabschlüssen von 2018 bis 2020 ergibt ein düsteres Bild und bestätigt die Annahme, dass es der Einzelhandel in der gegenwärtigen Lage besonders schwer hat: Nicht nur der Anteil an überschuldeten Unternehmen, sondern auch das Risiko einer Firmenpleite ist deutlich höher als der branchenübergreifende Bundesdurchschnitt. Besorgniserregend sind auch die Angaben zur Liquidität.

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Besonders viele überschuldete Unternehmen

Im Einzelhandel gilt jedes fünfte Unternehmen als überschuldet. Branchenübergreifend liegt dieser Wert bei 15,4 Prozent. Überschuldung ist dabei einer der häufigsten Gründe für eine Firmen-Insolvenz: Bei rund zwei Dritteln aller Pleiten in Deutschland gelten hohe Schulden als Ursache. Für Peer Hitschke, Senior Data Analyst bei Creditsafe, bedeutet dies ein Alarmsignal: 

Der Einzelhandel ist der Wirtschaftszweig mit der höchsten Überschuldungsrate. Schon vor Corona war die Quote in dieser Branche besorgniserregend, doch durch die getroffenen Regularien im Zuge der Pandemie wird sich das Problem weiter zuspitzen. Das zum Teil ausgefallene Weihnachtsgeschäft und die Ladenschließungen im Frühjahr 2021 werden die Probleme in der Branche weiter vergrößern.


Peer Hitschke
Senior Data Scientist | Creditsafe Deutschland GmbH
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Geringe Liquidität schadet dem Umsatz

Rund 34 Prozent aller deutschen Unternehmen haben Schwierigkeiten beim Begleichen kurzfristiger Verbindlichkeiten. Im Einzelhandel ist die Quote mit 36 Prozent zwar nur geringfügig höher, was jedoch dennoch ein Problem darstellt: „In kaum einer Branche sind Umsatz und Liquidität so eng miteinander verbunden. Einer Modellrechnung des Deutschen Sparkassenverbandes zufolge, bedeutet ein Umsatzeinbruch von 20 Prozent die Verminderung der Liquidität um ein Drittel. Geschäftsschließungen haben somit im Einzelhandel besonders große wirtschaftliche Folgen, weil die finanziellen Reserven mit jeder geschlossenen Woche vernichtet werden“, erläutert Peer Hitschke.

 

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*Liquiditätsgrad 3 < 200%
**Eigenkapitalquote: branchenübergreifend < 20 %, Einzelhandel < 10 %

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Ausfallrisiko im Einzelhandel problematisch

Creditsafe berechnet das durchschnittliche Ausfallrisiko, also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen innerhalb der nächsten zwölf Monate Insolvenz anmelden muss, im Einzelhandel mit 1,6 Prozent. Branchenübergreifend kommt die Auskunftei auf einen Wert von 1,4 Prozent. Bei 18 Prozent – und somit fast jeder fünften Firma – wird das Risiko als besonders hoch eingeschätzt. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert aller Branchen liegt bei gerade einmal 13,6 Prozent.

Die Auswirkungen von Corona sind in diesem Wert noch nicht enthalten – dementsprechend ist die Diskrepanz zum Durchschnitt und somit auch das Risiko sogar deutlich größer! Jens Junak, Country Manager für Deutschland von Creditsafe resümiert: 

Finanzielle Hilfen der Bundesregierung sind für den Einzelhandel in der derzeitigen Situation ein Hoffnungsschimmer. Zwar bedeuten sie einen Eingriff in den Markt, doch sind sie ein wichtiges Instrument, um das Ausfallrisiko möglichst gering zu halten und Betriebe vor der Pleite zu schützen. Es bleibt dennoch abzuwarten, ob Maßnahmen wie etwa das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht Unternehmen wirklich stabilisieren oder Insolvenzen dadurch nur aufgeschoben werden.


Jens Junak
Country Manager | Creditsafe Deutschland GmbH